LITERATURWETTBEWERB
Platz 1: Christine Schneider
Platz 2: Siegfried Welty
Platz 3: Susanne Laubach
Platz 4: Elly Ulbrich
Platz 5: Martin Mendritzky
Platz 6: Brigitte Heigl
Platz 7: Laura Pösendorfer
Platz 8: Kim Karen Ottinger
Platz 9: Nicole Hagemoser
Platz 10: Marlies Jahne
Platz 1: Viele Hunde sind des Jägers Tod (von Christine Schneider)
Unsere Gewinner-Geschichte lesen Sie exklusiv in der neuen DOGStoday (04/2010).
Platz 2: Bilanz eines Rüden (von Siegfried Welty)
Ich bin ein Hund, ein freischaffender Deutscher Schäferhund und Arbeitgeber. Mein adeliger Name liest sich wie der einer
teureren Auslese von der Mosel. Ich bin Aufsichtsratsvorsitzender. Rüde. Eben wie Aufsichtsratsvorsitzende.
In meine Position hat mich das Testament meines treuen Herrn gebracht.
Ich bin nicht nur Alleinerbe eines bedeutenden Unternehmens und Vermögens,
auch meine Besitzstandswahrung (Villa, Dienstpersonal, Fahrzeugklasse und Zeitraum des Modellwechsels) ist festgeschrieben. Erst nach meinem Ableben fällt der gesamte Besitz einer Stiftung unter Führung des jeweiligen Firmen-Direktoriums zu.
Keine wichtigen Beschlüsse können ohne meine Zustimmung getroffen werden. Den Gremien bin ich bekannt, war ich doch bereits früher „Beisitzer“. Einzige Veränderung: Ich lasse mich jetzt vom Chauffeur Georg begleiten. Er ist ein bodenständiger Mann, sein Gespür für das rechte Handeln ist nicht vom Dünkel der Modernität um ihrer selbst willen angekränkelt.
„Mein Fahrer ist das Diagnosegerät für Puls und Blutdruck meines Personals; die Therapie bestimme ich“, hatte der Alte öfter verlauten lassen. Auch wir waren nun ein gutes Team. „Georg, wir brauchen Sie vorläufig nicht mehr, danke“, hatte anfangs einmal ein Vorstand abgewimmelt und wollte die Sitzung eröffnen. Ich bin nicht laut geworden und habe nur die Türe verstellt. Damit war die personelle Zusammensetzung ein für allemal geregelt.
War ich normalerweise durchaus kooperativ und stimmte durch Wedeln zu, so lehnte ich Vorschläge auf Vertragsverlängerung aus bestimmter Windrichtung ab. Ich tat das durch Strecken vorwärts, rückwärts und durch Gähnen kund. Daraus Vertagung abzuleiten, bestrafte ich bei Wiedervorlage durch eine desinteressierte Liegestellung, die ich stundenlang beibehalten konnte. Den Kopf auf den Vorderpfoten, träumte ich mit geschlossenen Augen von Hunderennen, baumlangen Alleen und Afghanischen Windhundweibern.
So perfektionierte ich die Methode des Aussitzens.
Vertraulichkeiten erlaubte sich niemand, seit sich herumgesprochen hatte, wie ich ihren Anfängen begegnet war. Bei aller Sympathie für Georg konnte es nicht angehen, dass er einstieg und mir die Beifahrertüre von innen öffnete. Ich blieb demonstrativ mit erhobenem, aber ja nicht abgewandtem Kopf stehen. Zwangsläufig musste er aussteigen und bat mich mit abgenommener Mütze auf den Vordersitz. Ich jedoch schritt zur rechten Fondtüre. Georg erkannte die Situation und handelte danach. Er machte allerdings nach Domestikenart am nächsten Tag den gleichen Versuch: Ich verhielt mich adäquat, pinkelte zusätzlich vor dem Einsteigen an die mir offen- und vor allem zustehende Türe. Zugegeben sei allerdings, dass mir mein früherer Platz auf dem Beifahrersitz schon der Sicht wegen lieber gewesen wäre.
Doch Stil und Tradition fordern Opfer.
Mit zunehmendem Alter spürte ich, dass ich immer einsamer wurde. Ich befand mich zwischen offenem Hass einerseits und vorgespielter Zuneigung andererseits. Vor ersterem schützte mich mein Ahnungsvermögen. So ließ ich mich nicht zu spontanen, tierischen Reaktionen hinreißen, durch deren Provokation meine Gemeingefährlichkeit, für diesen Fall Unzurechnungsfähigkeit, hätte bewiesen bzw. attestiert werden sollen. Schwerer tat ich mich mit dem Erkennen falscher Freunde. Die Natur hat die Tiere hier entscheidend benachteiligt. Unsere Scheu und Vorsicht wird durch vermeintliche Freundlichkeit oder Unterwürfigkeit seit Generationen jedes Mal wieder in Arglosigkeit verwandelt und diese bestialisch bestraft.
Solche „Freunde“ aus dem Umfeld von Georg nahmen mir jede Lebensfreude. Ich bekam nur Diätfressen, Heilwasser zu trinken, ein Leibwächter hielt mir selbst das geringste tollwutverdächtige Eichhörnchen vom Leibe. Und dann die Ärzte: Spritzen, Schläuche von vorne und hinten, Fotos durch und durch, Tabletten, Säfte.
Ich wusste genau, dass hinter dieser Fürsorge der Betriebsrat steckte. War mir doch die Strategie der Direktoren für die Zeit nach meinem Ableben ebenso bekannt. Gesundschrumpfen lautete sie oder Verschlanken; gerade die Dicksten waren für diese Methode.
Meine Position war kurios. Die Arbeitnehmer hätschelten den Aufsichtsratsvorsitzenden, Vorsitzende und Aufsichtsräte verwünschten ihn. Nur ein Hund hält das aus, ohne schizophren zu werden.-
Heute bin ich auf dem Weg in die Schweiz. Zwei Weißkittel hatten darüber diskutiert, ob die Vorteile einer lebensverlängernden Kastration das Risiko einer Narkose überwögen oder nicht. Da habe ich auf der Spur einer läufigen Hündin das Weite gesucht. Sie gehört einem Rechtsanwalt in der Nachbarschaft, und ich überlege mir amüsiert, wie viel Geld er und Kollegen daran verdienen werden, ohne meinen Totenschein den widerstreitenden Interessen zum „Recht“ zu verhelfen. Mich kümmert`s nicht. Ich suche mir unter einer Brücke in Zürich einen Penner. Dem werde ich Bank und Kontonummer, die mein weitblickender Herr vorsorglich in das Halsband eingravieren ließ, beibringen können. Wenn ich mit in die Kreditanstalt gelange, könnte auch das mit dem Kennwort funktionieren. Denn das heißt einfach „Hund“.
Platz 3: Vom Nachteil des Bartträgers (von Susanne Laubach)
Es war so unfair. Nicht genug damit, dass Maria ihn vor einigen Tagen aus dem Bett und sogar aus dem Schlafzimmer verbannt hatte - Maximilian war auch noch auf Diät gesetzt.
Während er am Fenster saß und hinaus starrte, dachte er über die Gründe nach. Sicher, sein Schnarchen war im Verhältnis zur Körpergröße laut, fast aufdringlich, aber
SIE schnarchte ebenfalls. Er musste das schließlich auch ertragen. Und die Magerste war sie nicht gerade! Hatte er sich beschwert? Nie! Obwohl - wenn Maria sich auf das Sofa fallen ließ, rutschte er rasch zur Seite.
"Mehr Sport! Bewegung!", waren die Worte des Arztes. "Und Diät. Reis, Hüttenkäse, Huhn - natürlich nur das magere Brustfleisch." Natürlich. Das Ganze war geschmacklos wie Pappe, er brachte es kaum hinunter. Sein Magen hing schon durch, und er fühlte sich ganz schlaff. Nicht mal König Fußball konnte ihn momentan reizen. Er träumte von Grillhähnchen, Schweinebraten, Bratkartoffeln, Pfannkuchen... dabei roch er die Düfte förmlich! Er hätte sich schon mit einem Schnitzel zufrieden gegeben!
Aber Maria blieb hart. Bis zu diesem Nachmittag. Maximilian beobachtete von seinem Fensterplatz aus, wie sie den Tisch deckte. Hin und wieder ließ sie eine Bemerkung fallen wie: "Du siehst schon viel besser aus. Nach dem Kaffee mit Doris gehen wir wieder spazieren, das tut dir gut." Oh ja, und wie. Er erinnerte sich nur ungern an die letzten Tage, als sie ihn durch den Park hetzte und zerrte. Noch dazu mit Doris, dieser hektischen Person! Sicher brachte sie wieder ihren Köter namens Karlchen mit, einen Riesenschnauzer, der ausgerechnet an ihm einen Narren gefressen hatte!
Maximilian hasste lange Spaziergänge, vor allem im Regen. Mit seinem roten Plastikmantel, den Maria ihm aufzwängte, damit er sich nicht erkälte, war er der Blickfang im tristen Park. Aber aus Liebe zu ihr ließ er sich manches gefallen. Wenn nur diese Diät nicht wäre!
Nach und nach füllte sich der Tisch. Zarter Kaffeeduft wehte aus der Küche, und da - welch wunderbare Mischung stieg in Maximilians Nase? Nusskuchen, frisch aus dem Backrohr, mit Zimt und einer Spur Vanille. Es war mehr als gemein.
Auf einem gläsernen Teller trug Maria das Objekt der Begierde aus der Küche und platzierte es in der Mitte des Esstisches, zwischen zwei Gedecken. Also war für ihn wieder mal nichts vorgesehen. Er grübelte darüber nach, wie er wenigstens zu einem Stück Kuchen kommen könnte, ohne dass es auffiele.
Vielleicht musste Maria ins Badezimmer? Für zwei, drei Minuten wäre die Luft rein. Oder der Augenblick, in dem sie ihrer Freundin die Tür öffnete? Maximilian suchte sich mit den Augen ein Stück aus. Eines war etwas breiter als die anderen, das sollte es sein. Wer wusste schon, wann sich so eine Gelegenheit wieder ergab? Es klingelte. Maria eilte aus dem Zimmer. Jetzt oder nie!, dachte Maximilian, erklomm den Stuhl und schnappte sich das auserkorene Stück. Es war göttlich. Die Geschmacksknospen jubelten! Er vergaß Zeit und Raum, ließ die zarte Pracht auf seiner Zunge zergehen und hatte im Nu das ganze Stück aufgefuttert, als er einen Schatten neben sich sah. Eine riesige schwarze Schnauze schob sich zwischen ihn und den gläsernen Teller, und verdutzt sah Maximilian zu, wie ein Kuchenstück nach dem anderen im Maul des Riesenschnauzers verschwand. Schnell schnappte er sich selbst auch noch eines, bevor Karlchens gigantische Zunge quer über den Teller fuhr, um die letzten Krümel aufzusaugen. Dieser Hund musste sich nicht einmal strecken!
Mit großen Augen guckte er Maximilian an, der sich beeilte, zu seinem Fensterplatz zu gelangen, folgte ihm seelenruhig dorthin und legte sich mit einem Rumpeln auf den Holzboden.
Die Stimmen der Frauen kamen näher, sie schnatterten wie zwei Gänse. "Na, Karlchen, hast Du Maximilian schon begrüßt? Ach sieh doch nur, wie er sich an ihn kuschelt!", kicherte Doris.
"Komm, lass uns zuerst einen Kaffee tr...." Marias Stimme erstarb für einen Moment. "Wo ist der Kuchen?" Sofort fiel ihr Blick auf Karlchen.
"Oh nein, das war sicher nicht mein Hund", rief Doris aus. "Das hat er noch nie gemacht!"
Maria inspizierte Karlchen genauer. "Da - sieh dir die Krümel an der Schnauze an! Und ganz nass ist die!"
Der Nachteil eines langen Bartes, dachte Maximilian. Er selbst trug kurz.
"Aber - Maximilian war doch auch im Zimmer! Das kann genauso gut er gewesen sein!"
Nun lachte Maria. "Jetzt mach Dich nicht lächerlich. Wie sollte der kleine Kerl denn auf den Tisch gelangen?" Zu Maximilians Freude und Genugtuung tätschelte sie seinen Kopf. "Eine französische Bulldogge, noch dazu mit einwandfreiem Stammbaum, stiehlt doch kein Essen vom Tisch, also wirklich!"